Lykien 2015
 
 

 
 
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Nach einigen längeren Trekkings in kühlen bis kalten Gegenden wollen wir sehr gern mal in wärmeren Gefilden wandern. Wir wollen am Abend draußen sitzen können und morgens nicht händeringend auf den ersten Sonnenstrahl zum Auftauen warten müssen. Außerdem haben wir uns in den Kopf gesetzt, dieses Mal wirklich autark unterwegs zu sein, was natürlich auch heißt, alles selbst tragen zu müssen. Vom Lykischen Weg hatte ich vor einiger Zeit in der DAV-Mitgliederzeitschrift gelesen; die Bilder sahen wirklich schön aus. Und so kam eins zum anderen. Wir hatten im Mai/Juni gute drei Wochen Zeit, die perfekte Saison für dieses Ziel. Lange Tage, Aussicht auf gutes Wetter, aber auch noch nicht zu heiß. Wir deckten uns mit den zwei erhältlichen Wanderführern (Autoren: Kate Glow bzw. Michael Hennemann) ein und planten und planten. Für den gesamten, 450 km langen Weg braucht man ca. vier Wochen, also mussten wir an der einen und anderen Stelle sparen. Einige Etappen waren so beschrieben, dass man sie nicht unbedingt gehen muss bzw. nur dann, wenn man wirklich die Gesamtstrecke laufen will. Uns kam es auf diesen "Titel" nicht an; wir wollten in den 20 Tagen, die wir hatten, "nur" so weit als möglich kommen und vor allem natürlich die schönsten Etappen gehen. Mit einem ungefähren Plan starten wir also am 15. Mai in Richtung Türkei. Ziel des Hinflugs ist Dalaman, von dort sind es ca. 50 km bis zum offiziellen Startpunkt des Lykischen Wegs in Ovacik. Schon auf dem Weg zum Flughafen drückt das Gepäck ganz schön schwer. Denn auch wenn wir diesmal bei jedem Kleidungsstück und Ausrüstungsgegenstand nicht nur überlegt, sondern auch gewogen hatten, sind wir letztlich mit ca. 14 bzw. 18 Kilo unterwegs. Dass vor Ort jeweils noch Wasser und Essen hinzukommen würde, blenden wir erstmal aus.

Dalaman ist als Ankunftsort in erster Linie auf Pauschaltouristen ausgerichtet, deshalb standen wir auch fast 2 Stunden nach der Landung noch auf dem Parkplatz, wo angeblich irgendwann ein Bus abfahren sollte. Des Wartens überdrüssig, teilen wir uns schließlich mit den beiden einzigen anderen Individualisten ein Taxi. Die zwei Österreicher sind auch zum Wandern hier; wir werden uns auf dem Weg noch einige Male sehen. Am späten Abend kommen wir in unserem Hotel in Ovacik an, das ganz nah am Startpunkt der ersten Etappe liegt. Beim Abendessen sind wir sehr froh, dass wir diesen Ort, der auf englische Pauschaltouristen zugeschnitten ist, bald verlassen werden, gleichzeitig erleben wir schon im ersten Restaurant die unheimliche Gastfreundschaft der Türken, die wir in den nächsten drei Wochen immer wieder genießen werden.

Am Vormittag erledigen wir die letzten Einkäufe - wir brauchen vor allem Gaskartuschen, die wir ja im Flugzeug nicht mitbringen konnten, versorgen uns mit Wasser und Essen für ein, zwei Tage und packen die Rucksäcke. Holla, die Waldfee. Wir wanken auf den Weg und fragen uns (natürlich nur jeder still für sich), wie das bergauf funktionieren soll. Die erste Etappe wird uns ausreichend Gelegenheit geben, das herauszufinden. Wir starten erst am Mittag, wollen die 14 km bis Faralya aber trotzdem bis zum Abend schaffen. Also laufen wir den ersten, schon arg schweißtreibenden Aufstieg von unter 300 Meter hinauf nach Kozagac auf über 700 Meter fast in einem Rutsch durch. Mit großem Rucksack und diesem Gewicht in der Mittagssonne zu laufen, ist schon eine Nummer. Wir steigen tapfer Schritt für Schritt, werden mit wunderbarer Aussicht auf die berühmte Bucht von Ölüdeniz entschädigt und irgendwann sind wir oben - der erste Anstieg ist geschafft. Wir wissen, dass noch viele folgen werden. Nach gut sechs Stunden haben wir Faralya erreicht - wir sind ziemlich geschafft, aber auch ziemlich stolz auf uns.

Zur Eingewöhnung suchen wir uns für die erste Nacht einen Zeltplatz mit Anschluss an die Zivilisation. In George House stehen wir mit Traumblick auf die Schmetterlingsbucht; und bei dem Preis (40 TL) können wir dem Angebot von Zeltplatz incl. Abendessen und Frühstück nicht widerstehen. Als Vegetarier ist das Büffet ein Traum! Direkt vom Zeltplatz geht ein Pfad fast senkrecht hinunter in die Bucht; dem können wir dann aber doch widerstehen - sieht auch von oben schön aus.

Die meisten Wanderer auf dem Lykischen Weg halten sich mehr oder minder an den Etappenplan der Wanderführer; nicht zuletzt, weil es so möglich ist, von Ort zu Ort, sprich von Unterkunft zu Unterkunft zu wandern und damit den Weg ohne Campingausrüstung zu gehen. Wir aber wollen am zweiten Tag vom Plan abweichen und schon mal ein paar Kilometer "gutmachen". Bei der Planung auf dem Papier sahen einige Tagesetappen für uns durchaus verlängerbar aus; wir wollten uns irgendwie nicht vorstellen, dass man nicht 20 Kilometer pro Tag gehen kann. Von Faralya geht es zunächst nach Kabak, dann weiter nach Alinca und nach dem Dorf über eine wunderschöne Ebene mit Feldern und einer alten osmanischen Zisterne nach Gey und letztlich auf die Halbinsel Yedi Burun. Nach gut 10 Stunden, 1200 Meter Aufstieg/950 Meter Abstieg und 24 Kilometern finden wir hier einen perfekten Platz für unser Zelt. Wir sind ganz schön k.o., schaffen es aber noch, uns was zu kochen und dabei den Sonnenuntergang zu genießen.

Am nächsten Tag geht es etwas weniger als 20 Kilometer bis Pydnai. Ab Gavuragili zieht es sich auf einer Asphaltpiste etwas. In der ersten Pension, an der wir in Pydnai vorbeikommen, treffen wir unsere Österreicher wieder. Und schon ist beschlossen, heute mal im Bett zu übernachten. Wir verbringen einen netten Abend mit den Weitgereisten, die viel und interessant zu erzählen haben. Die nächsten Etappen Pydnai-Kinik-Akbel-Gelemis/Patara werden wir auslassen. Unser Pensionswirt fährt uns nach Kinik, wo wir den Dolmus weiter nach Patara nehmen. Dort besichtigen wir in aller Ruhe die Ruinen, verbringen den Nachmittag am endlosen Strand und wollen dann nur noch ein paar Kilometer vom Ort weglaufen. Da es auf der kommenden Etappe keine Quellen geben wird und wir außerdem Wasser für abends und morgens brauchen, decken wir uns im kleinen Dorf-Supermarkt ein und schleppen gefühlt eine Tonne Wasser den Berg über Gelemis hinauf. Für diesen Zeltplatz hat sich die Plackerei aber definitiv gelohnt. Das Zelt steht unter riesigen Olivenbäumen, und wir sitzen zum Abendessen (incl. Sonnenuntergang) auf einem kleinen Plateau mit Blick hinunter zum Meer.

Nächstes Ziel ist Kalkan, bis dahin legen wir bei irrer Hitze gut 20 Kilometer zurück; ein paar davon, weil wir am Aquädukt weiterlaufen statt abzubiegen und das eine ganze Weile nicht bemerken. Die steile Klippe im Felsen vor Kalkan, von der der Wanderführer schreibt, dass man sie auf keinen Fall mit schwerem Rucksack gehen sollte, bereitet uns keine großen Schwierigkeiten. Wobei Absteigen mit dem Gepäck mindestens genauso anstrengend ist wie Aufsteigen. Uns nervt dann eher der endlose Weg durch Macchia am Hang entlang ein paar Meter oberhalb des Meeres bis zu den ersten Häusern von Kalkan. Und noch weiter zieht sich der Weg durch den Ort bis zum Hafen. Nach der Hitzeschlacht gönnen wir uns ein Zimmer in der sehr schönen Pension Gül mit Dachterrassen-Blick über Stadt und Hafen. Das und ein oppulentes Abendessen haben wir uns verdient.

Die nächste Etappe gehen wir mit nicht ganz so viel Lust an, denn zum einen geht es aus Kalkan raus erstmal 2 Kilometer an der Straße entlang, bis der Weg abzweigt. Und zum anderen steht ein gewaltiger Anstieg bevor: Von Kalkan auf Meereshöhe geht es am Stück bis auf 840 Meter auf den Yumrutepe Pass. Den Anstieg empfinden wir dann aber gar nicht als schlimm. Offenbar haben wir uns schon ganz gut an das langsamere Laufen mit den schweren Rucksäcken gewöhnt. Vor allem, um nicht unnötig Proviant bergauf zu schleppen, hatten wir uns auf den Wanderführer verlassen, wonach es im kleinen Dorf Bezirgan zwei Lebensmittelläden geben soll. Doch wir stehen vor zwei verschlossenen Türen, die eine davon vermutlich für immer. Die andere wird uns zum Glück aufgeschlossen, nachdem ich nach einigem Warten schon etwas verzweifelt einen älteren Mann "angesprochen" hatte, ob der Laden heute nochmal öffnet und der den Inhaber per Handy herbeigerufen hatte. Zum Dank (und um auf keinen Fall verhungern zu müssen) erstehen wir Nudeln und eine riesige Dose Tomatensoße (wie wir glauben; später entpuppt sich das elend schwere Teil als 1 Kilo Tomatenmark..) So ausgestattet geht es weiter bis Saribelen und ein Stück darüber hinaus.

2 km oberhalb des Ortes finden wir einen traumhaften Zeltplatz. Ganz in der Nähe steht ein altes Felsengrab, wovon wir uns aber nicht ängstigen lassen. Wird schon keiner mehr drin wohnen.

Fortan gibt es Tomatenmark auch zum Frühstück; die Dose muss ja leichter werden. (Wir können auf solchen Touren wirklich sehr genügsam sein.) Heute haben wir uns wieder eine lange Etappe vorgenommen; statt nur 10 km bis zum nächsten Ort Gökceören werden wir weiterlaufen, weil wir aus den drei kürzeren Etappen, die es noch bis Kas sind, zwei machen wollen. Es geht relativ gemütlich durch schöne Felslandschaften und über Bergwiesen, vorbei am Hof des Ziegenhirten Hüseyin und seiner Familie, wo auch wir für Tee und Ayran einkehren, bis ins Dorf Gökceören. Die letzte halbe Stunde laufen wir gemeinsam mit einem deutschen Paar, das in der Pension von Hüseyin Yilmaz den Wandertag schon beendet. Wir wollen eigentlich nur eine kurze Pause machen und eigentlich auch nur eine Kleinigkeit essen; was die Köchin darunter versteht, weicht dann leicht von unseren Vorstellungen ab. Aber gut, wir haben noch ein Stück Weg vor uns, da können die zusätzlichen Kalorien nicht schaden. Auf breiter Forstpiste geht es mal links, mal rechts vom Fluss gut 8 Kilometer, bis wir eine offene Wiesenfläche erreichen, die unser Zeltplatz wird. Weiterlaufen macht keinen Sinn mehr, denn nun schließt sich ein Aufstieg über 400 Meter an, den wir uns heute nicht mehr antun werden, sondern besser ausgeruht nach einer absolut ruhigen Nacht angehen.

Auf dem Weg nach Cukurbag geht es bis auf 1000 Meter Höhe, wir wandern mal auf breiten Pisten, mal auf schmalem Pfad durchs Gebüsch, und wir passieren die Ruinen von Phellos. Dass am Weg Felsengräber und Steinsarkophage "rumstehen", ist ein ganz besonderes Ding am Lykischen Weg. Nach dem langen Abstieg hinunter nach Cukurbag gönnen wir uns eine Pause im Cafe Dede, dessen Besitzer sich mit uns in astreinem Deutsch unterhält. Es fällt uns nicht leicht, aber wir laufen weiter. Unser Ziel ist Kas, bis dahin sind es noch 8 Kilometer. Nach einer weiten Hochebene stehen wir nahezu senkrecht fast 500 Meter über dem Küstenort, der Blick ist der Wahnsinn. Der Abstieg hat's in sich, am Ende zittern uns die Beinchen.. Bis ins Zentrum sind es noch ein paar Meter, und wir sind ziemlich fertig; so kommt uns das Angebot sehr gelegen, dass uns ein netter Typ (und ganz nebenbei Hotelbesitzer) mit in Richtung Hafen nimmt. Bisher waren wir immer skeptisch, wenn uns am Ortseingang ein tolles, supergünstiges Hotel angeboten wurde, heute machen wir eine Ausnahme und sind darüber sehr glücklich. Das Hotel Ferah liegt direkt am Meer, ist neu und sehr gepflegt und für uns mit Wanderer-Spezialpreis (120 TL) auch ganz günstig. Hier werden wir einen Ruhetag einlegen. Nicht nur, dass am nächsten Tag Sonntag ist - wir nehmen das mit dem Ruhen durchaus ernst. Wir haben nach sechs Wandertagen 148 Kilometer, 5700 m Aufstieg und 5800 m Abstieg hinter uns. Da ist eine Pause durchaus angebracht. Am Sonntag schlendern wir ein wenig durch Kas, die Beine bekommen ja sonst Entzugserscheinungen, schauen uns Amphitheater und Felsengräber an, faulenzen aber auch ein paar Stunden auf der Strandliege. Und planen natürlich auch die weitere Wanderung. Wir haben zwar schon ein paar Etappen gespart, aber es reicht noch nicht ganz, um bis zum Ziel nahe Antalya zu kommen. Also entscheiden wir uns, die beiden Etappen ab Kas auszulassen und mit dem Dolmus bis Demre zu fahren. Mir tut es ein wenig leid, die Küstenetappen zu skippen; Jürgen ist eher froh, weil er (im Gedenken an Korsika) eine Hitzeschlacht befürchtet.

Also nehmen wir zum Start unserer zweiten Wanderwoche ein Dolmus und lassen uns kurz vor Demre am Abzweig nach Andriake absetzen, wo wir übernachten wollen. Gepäck und Zelt bleiben auf dem Campingplatz, während wir den restlichen Tag nutzen, die Ruinen von Myra anzuschauen. Wieder gibt es Felsengräber und ein gut erhaltenes Amphitheater; besonders sind in Myra die vielen mit Reliefs verzierten Steine.

Um uns die vielen Kilometer Asphaltgelatsche bis und durch Demre zu ersparen, fahren wir am Morgen mit dem Taxi wieder bis Myra und starten dort unsere nächste Wanderetappe. Bis Finike sind drei Tage angesetzt, auf denen es weder Übernachtungs- noch Einkaufsmöglichkeit gibt. Ersteres stört uns nicht, auf zweiteres richten wir uns ein, was ein paar zusätzliche Kilo heißt. Nun kommen einige der wenigen Etappen des Lykischen Weges, die ohne Zelt nicht machbar sind. Wir sind gespannt, ob uns irgendjemand begegnen wird, denn bisher haben wir fast nur Wanderer getroffen, die sich die Tortur ersparen, das Campingzeug zu schleppen. Ein Spaß ist der folgende Anstieg nach Belören - "die beständige Kletterpartie", wie es der Wanderführer nennt - nur bedingt. Umso schöner ist dann der Übernachtungsplatz an den Überresten der Kirche von Alakalise. Diesen Platz teilen wir nur mit Ziegen und Schafen, die Hütehunde bellen zwar gefährlich, bleiben aber auf Abstand zu uns. Wir schlagen unser Zelt mitten in der Ruine auf, hier gibt es auch eine Zisterne mit brauchbarem Wasser. Das Wasserfiltern ist mit unserem tollen Filtersystem zwar etwas zeitaufwändig, aber ansonsten total easy. Wir ersparen uns damit desöfteren, auch noch kiloweise Wasser mitzutragen.

Von Alakalise geht es weiter steil bergauf, über den mittlerweile bedeckten Himmel sind wir angesichts der uns bevorstehenden Höhenmeter nicht böse. Auf dem Pass in knapp 1700 Meter Höhe sitzen wir fast in den Wolken und frieren zum ersten Mal seit zehn Tagen; dass wir gestern bei Sonnenschein am Strand saßen, fühlt sich sehr weit weg an. Die Wegmarkierung hier hoch war nicht die beste, so dass wir teilweise mehr nach Gefühl und vor allem sehr steil aufgestiegen sind. Die Belohnung sollte oben eigentlich eine traumhafte Aussicht sein, wir haben es leider eher diesig und bedeckt. Später verlieren wir zeitweise nochmal den richtigen Weg, aber da die große Richtung (runter!) klar ist, finden wir uns zurecht. Übernachtet wird dann wieder herrlich inmitten von Ruinen in Phellos. Hinter uns liegt ein Tag mit über 1200 Meter Aufstieg und 1150 Meter Abstieg, umso schöner sind solche Zeltplätze, die wir uns im wahrsten Sinn des Wortes erarbeitet haben.

Der weitere Abstieg nach Finike zieht sich, ist aber am Mittag auch geschafft. Wir sind etwas unsicher, wie wir von hier weiterkommen werden, denn die Etappe Finike-Karaöz werden wir uns schenken - 30 Kilometer topfeben neben der Küstenstraße herzulaufen, muss nicht sein. Durch reinen Zufall treffen wir einen Ladenbesitzer, der super deutsch spricht, grade nicht viel zu tun hat und uns mit seinem Auto nach Karaöz fährt. Perfekt - wir ersparen uns das Warten auf den Bus, Umsteigen usw. und können dafür am Nachmittag von Karaöz noch ein gutes Stück weiterwandern. Das war uns die 100 TL für den Privatchaffeur doch wert!

Wir kommen bis zum frühen Abend locker bis zum Leuchtturm am Kap Gelidonia, wo wir den am schönsten gelegenen Zeltplatz leider nicht nehmen können, weil es mittlerweile tierisch stürmt. Auf den wenigen Booten, die wir draußen auf dem Meer sehen, mag man nicht sein.

Die Lage hier ist sensationell. Dass die wenigen ebenen Zeltplätze ziemlich vermüllt sind, ist aber ein kleiner Wermutstropfen.

Der weitere Weg nach Adrasan stellt uns vor keine großen Herausforderungen, nur 15 Kilometer und nur 650 Meter Aufstieg/870 Meter Abstieg. Unsere Dimensionen, was viel ist, haben sich in den letzten Tagen offenbar deutlich verschoben.

In Adrasan haben wir mal wieder Lust auf Dusche und Bett. Die Entscheidung für eine Hotelübernachtung erweist sich als goldrichtig, als es nachts über Stunden heftig regnet.

Aus Adrasan raus laufen wir durch Plantagen von Granatäpfeln (die am selben Baum gleichzeitig Blüten und Früchte tragen), vorbei an Gewächshäusern mit Paprika und Auberginen. Dann geht es wieder bergauf, dieses Mal durch Nadelwald bis auf einen Bergrücken, der die Buchten von Adrasan und Cirali trennt. Leider ist es wieder diesig und windig, so dass wir nassgeschwitzt nicht allzu lang hier oben sitzen wollen. Nachdem wir den Pass auf knapp 700 Meter überwunden haben, geht es wie durch einen Tunnel flechtenübersäter Bäume und über moosüberwachsene Steine. Unten auf Meereshöhe treffen wir auf die Ruinen von Olympus, in der Zeit um 100 v.Chr. eine der wichtigsten Städte im Lykischen Bund. Am Strand entlang laufen wir noch bis Cirali, wo uns die Masse an Hotels und Pensionen zunächst etwas überfordert. Wir sind wirklich kaputt und nehmen dann schon etwas entnervt irgendeines; am nächsten Vormittag ziehen wir um, denn wir wollen hier in Cirali unseren zweiten Sonntags-Ruhetag verbringen. Mit dem Kütle Hotel treffen wir eine ausgezeichnete Wahl, wir sind die einzigen Gäste, und der nette Besitzer leiht uns sogar seinen alten Jeep, damit wir am Abend zu den Chimären-Feldern fahren können. Die werden wir zwar auch zu Beginn der nächsten Etappe passieren, aber wir wollen das Schauspiel gern bei einbrechender Dunkelheit erleben. Aus den Felsspalten tritt ein spezielles Erdgasgemisch aus, das sich beim Kontakt mit Luft selbst entzündet. Vor allem im Dunklen sehr mystisch. Von Cirali aus haben wir schon Ausblick auf unser (fast) letztes großes Ziel, den Tahtali Dagi.

Nachdem wir die Chimären im hellen Sonnenlicht gesehen haben, sind wir umso froher, dass wir schon am Abend da waren. Das ganze sieht bei Tag nicht halb so beeindruckend aus. Nach dem ersten großen Flammenfeld geht es wieder steil bergauf, das zweite Flammenfeld kurz unterhalb des Passes ist sehr unscheinbar, hier oben beeindrucken mehr die Ausblicke. Beim nächsten Abstieg geht es so steil zu, dass Jürgen nach einem Stolperer erst nach einer Rolle vorwärts wieder zum Halten kommt. Nach kurzer Schrecksekunde kugeln wir uns, jetzt vor Lachen. Den Fluss unten im Tal überqueren wir (fast) in Dirty-Dancing-Manier, nur den Hüpfer lassen wir aus. Über Ulupinar laufen wir lange lange bis nach Beycik. Wir kommen im oberen Teil des zwei-geteilten Dorfes an, der Laden ist blöderweise im unteren Teil.. Dank Autostop ist Jürgen keine halbe Stunde später mit dem nötigsten an Lebensmitteln und Wasser aber schon wieder zurück. Wir haben mehr als 1300 Meter Aufstieg hinter uns, sind über 9 Stunden gelaufen. Die Aussicht von unserem Zeltplatz oberhalb des Dorfes nach links auf das Tahtali-Dagi-Massiv und nach vorn auf die Bucht von Tekirova lässt alle Strapazen vergessen. Dass dann auch noch der Vollmond über dem Meer steht, ist fast schon zu viel.

Wir haben vor dieser Etappe hin und her überlegt, ob wir den Tahtali Dagi bis zum Gipfel auf 2363 Meter besteigen wollen, entscheiden uns aber wegen des nun gen Ende etwas engen Zeitplans dagegen. Für eine Besteigung ist eine Zwischenübernachtung auf dem Tahtali-Sattel oder zumindest in dessen Nähe notwendig, wenn man nicht lange Strecken doppelt laufen will; auf beides haben wir nicht viel Lust. Wir starten früh auf 980 Meter Höhe, der Sattel liegt auf 1815 Meter; zwar am Stück, aber zum Glück nicht zu steil, steigen wir in gut drei Stunden auf. Da wir wirklich gut vorankommen und der Berg schon lockt, lassen wir die Rucksäcke liegen und steigen, nein schweben - weil ohne Balast - noch bis auf 2100 Meter. Die Aussicht von dort oben auf den Gipfel, die Küste und die Bergketten im Landesinneren reicht uns schon, die restlichen 260 Meter schenken wir uns. Ohne große Pause steigen wir - jetzt wieder mit Gepäck - weiter ab, der steile Weg führt vorbei an riesigen, knorrigen Zypressen, die es nur hier oben gibt. Manchmal ist der Weg nicht ganz einfach zu finden, zusätzliche Strecke wollen wir aber tunlichst vermeiden. Wir laufen und laufen; bis Gedelme werden wir es nicht ganz schaffen. Nach 10 Stunden, 1300 Meter Aufstieg/1380 Meter Abstieg machen wir Feierabend. Sehr zufrieden genießen wir von unserem Zeltplatz die Aussicht auf den Tahtali Dagi im Abendlicht. In solchen Momenten sind wir immer wieder erstaunt, welche Strecken man in wenigen Stunden zu Fuß zurücklegen kann.

Dass man hungrig nicht unbedingt einkaufen gehen sollte, ist grundsätzlich bekannt. Heute ist uns das aber herzlich egal, wir plündern den kleinen Lebensmittelladen in Gedelme, denn die letzten zwei Tage haben wir doch recht spartanisch gelebt. Nach einem ausgiebigen späten Frühstück macht uns der lange Wandertag, der noch folgt, nichts aus. Das Wetter ist nicht so prickelnd; wie schon in den letzten Tagen zieht es gegen Mittag zu, heute regnet es sogar kurz. Nach mehr als 22 Kilometern machen wir im Tal vor Göynük Schluss. Göynük wäre eine etwas frühere Möglichkeit, die Wanderung zu beenden und von dort nach Antalya zu fahren. Nachdem am nächsten Vormittag schon wieder dicke Wolken aufgezogen sind und es sogar nach Gewitter aussieht, überlegen wir diese Variante ernsthaft. Wir gehen sogar schon so weit, nach Göynük reinzulaufen, um dort zu übernachten und dann einen Tag früher als geplant nach Antalya zu fahren. Aber dieser Ort wirkt so abschreckend auf uns, und wir sind so unzufrieden mit einem solchen Abschluss der Wanderung, dass wir - Wolken hin oder her - uns wieder Richtung Berge wenden und weiterlaufen. Und kaum haben wir diese Entscheidung getroffen, reißt der Himmel auf; kein Witz. Durch unser zwischenzeitliches "Abbruch-Szenario" haben wir ein paar Stunden verloren, nicht weiter schlimm. Bis zum Abend schaffen wir zumindest noch zwei Stunden und knapp 400 Meter Aufstieg.

Die letzte offizielle Etappe des Lykischen Wegs wartet noch einmal mit satt Höhenmetern auf, von fast Meereshöhe geht es über den Hüdacik-Pass (1350 m) nach Hiscarcandir. Ein bisschen was davon haben wir schon geschafft, außerdem kann uns so ein Anstieg nach den letzten drei Wochen wirklich nicht mehr schocken. Wie um unsere Entscheidung, das Ganze gescheit zu Ende bringen zu wollen, zu belohnen, sitzen wir auf dem Pass in der Sonne und haben eine Super-Aussicht auf die nahe Küste. Wir mögen uns am Vortag ein bisschen doof angestellt haben, sind aber zum Glück noch zur Besinnung gekommen und haben unseren (Fast)-Fehler korrigiert. Wir sind so dermaßen froh über diesen letzten Wandertag!

Am Nachmittag sind wir in Hiscarcandir, dem bisher "offiziellen" Ende des Lykischen Wegs. Man kann mittlerweile noch ein, zwei Etappen anhängen, für uns geht es jetzt aber nicht mehr zu Fuß weiter. Wir haben unser Ziel erreicht, im buchstäblichen Sinn. Wir wissen aus dem Wanderführer, dass am späten Nachmittag ein Bus nach Antalya fahren soll. Von den Leuten, die wir mehr schlecht als recht danach fragen können, wird uns allerdings vermittelt, dass der Bus erst am Abend fährt. Wir bekommen aber für 70 TL eine private Dolmus-Fahrt nach Antalya angeboten. Den Spaß gönnen wir uns zum Schluss! Ob der (natürlich günstigere) öffentliche Bus vielleicht doch am Nachmittag irgendwann ging, ist uns egal. So sind wir ratzfatz in Antalya, den Sonnenuntergang genießen wir schon auf der Dachterrasse unseres Hotels ("Frankfurt", jawoll!)

Unsere Bilanz:
  • 17 Tage gewandert
  • 353 Kilometer zurückgelegt
  • 15424 m Anstieg und 14631 m Abstieg genossen
  • 14 Nächte im Zelt, 7 in Pensionen/Hotels - alle schön und ruhig
  • unzählige Liter Wasser gefiltert, 25 Liter Tee getrunken, 1 Kilo Tomatenmark gegessen
  • 3 supergefährliche Hirtenhunde getroffen, alle im Liegen

 

In Antalya haben wir noch einen ganzen Tag zum Austrudeln. Wir streifen durch die Altstadt, sitzen in netten Cafes und Kneipen rum und können das Laufen doch nicht ganz lassen, als wir bis zum langen Konyaalti-Strand im Westen der Stadt spazieren. Am Abend schauen wir natürlich das Champions- League-Finale, dass wir die letzten Minuten verpassen, weil in halb Antalya der Strom ausfällt, ist aufgrung fehlender deutscher Beteiligung am Spiel nicht so schlimm.

Und dann geht auch schon der Flieger zurück. Wieder stehen wir mit unseren Rucksäcken zwischen all den Pauschaltouristen mit Rollkoffer und fühlen uns etwas fremd. Wir alle waren im gleichen Land, aber vermutlich nicht im selben.

Wir hatten ganz bewusst mal eine Weitwanderung machen wollen, hatten die Vor- und Nachteile, Campingausrüstung, Verpflegung, Wasser etc. tragen zu müssen, abgewogen und sind nach den drei Wochen sehr sehr froh über all unsere Entscheidungen. Auch wenn es grade bei der Hitze in den ersten Tagen eine tierische Plackerei war, jeden Abend, wenn unser Zelt stand, wir ganz allein in absoluter Ruhe in großartiger Natur saßen, wussten wir, dass es das wert war. Und sich immer wieder zu überwinden, den Rucksack aufzusetzen, auch wenn die Hüfte schmerzt, die Schulter wund ist und die Beine schwer sind, ist letztlich ein sehr gutes Gefühl. Die Mischung mit den Übernachtungen in Pensionen und den zwei Ruhetagen in schönen Orten und Hotels war genau richtig. Wir haben - egal, ob im kleinsten Dorf oder in den größeren Orten - nur herzliche und gastfreundliche Menschen getroffen. Von dieser Türkei sind wir mehr als begeistert.

Der Lykische Weg ist definitiv nicht zu unterschätzen, das ist weit entfernt von Küstenspaziergang. Man bewegt sich zwar nicht in großer Höhe, legt aber gut Höhenmeter zurück. Und das auf teilweise anspruchsvollen, weil schmalen und steilen Wegen. Wir sind dankbar, dass wir ohne Blessuren durch die drei Wochen gekommen sind und wissen, dass das nicht unsere letzte Weitwanderung gewesen ist. Im Moment können wir uns nur schwer vorstellen, wieder mit Guide oder in einer Gruppe unterwegs zu sein. Aber das wird sich zu gegebener Zeit alles finden.

 

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